Erfahrungsbericht: Als Techniker zur Uni

Hallo,

nachdem mit meiner Hochschulzugangsberechtigung alles geklappt hatte (siehe Thread hier), konnte ich endlich Informatik an einer Universität studieren. Das erste Semester ist nun vorüber und ich möchte einen kleinen Erfahrungsbereicht schreiben, falls jemand ähnliches vorhat und sich noch nicht sicher ist.

Meine Vorbildung: IT-Ausbildung, 2 Jahre Berufserfahrung als Programmierer, Weiterbildung zum staatlich geprüften Techniker im Bereich Informatik. Alter am Anfang 23.

Nach dem Techniker-Abschluss im Juni hatte ich einige Monate Zeit, bevor im Oktober das Studium begann. Die erste Zeit habe ich genutzt, um mich gründlich über das kommende Studium zu informieren. Eine Errungenschaft des Bachelor-Systems ist, dass die Unis angehalten sind, Modulhandbücher zu veröffentlichen, in denen beschrieben wird, was in jedem Modul (= Fach) gelehrt wird. Ich wusste, dass in Informatik sehr viele das Studium schnell wieder abbrechen, weil ihnen die Mathematik zu kompliziert ist. Deshalb habe ich mir vom ILS die Hefte besorgt, mit denen das Abitur als Fernlehrgang vermittelt wird, und den gesamten Mathe-Leistungskurs durchgearbeitet. Das hat mich auch die gesamte verbleibende Zeit gekostet, aber es hat sich gelohnt - ich habe dadurch ein gutes Grundlagenwissen in Mathematik erlangt und viele Dinge gelernt, die an der Realschule, in der Ausbildung und der Technikerschule nie thematisiert wurden, beispielsweise Stochastik, Vektoranalysis und Beweisführung.

Danach ging es auch schon los. Im ersten Semester standen die Module Programmieren, Betriebssysteme, Lineare Algebra, Logik und mein Nebenfach Biomathematik auf dem Plan. Eine Vorlesung lief immer so ab, dass der Professor 90 Minuten etwas zum Thema vermittelt - als Medien wurden Tafeln und Beamer verwendet. Es liegt in der eigenen Verantwortung, was man mit der Vorlesung anfängt - viele gehen hin und lassen sie passiv wirken, einige schreiben aktiv alles mit und einige wenige gehen nicht zur Vorlesung, sondern lernen lieber zu Hause. Dazu gab es zu jeder Vorlesung ein Skript vom Professor, das allerdings in jeder Vorlesung einen anderen Stil hatte.

In Programmieren bestand das Skript aus einer Präsentation in Form einer PDF-Datei, die der Dozent auch in der Vorlesung so verwendet hat. Zusätzlich wurde jede Vorlesung aufgezeichnet und stand den Studenten als Podcast bereit. In diesem Modul konnte ich durch meine Vorbildung punkten, ich fand einen sehr guten Einstieg und konnte die ganze Zeit gut folgen. Aber auch Programmieren ist an der Uni mathematisch angehaucht - abstrakte Datentypen wurden axiomatisch definiert und es wurde gezeigt, wie dadurch bestimmte Eigenschaften bewiesen werden konnten. Die Themen waren Java-Programmierung, Objektorientierung, UML und grundlegende Datentypen. In der Klausur waren keine Hilfsmittel zugelassen, neben einigen Wissensfragen musste ein kompilierbares Java-Programm auf Papier geschrieben werden, das den größten gemeinsamen Teiler zweier Zahlen berechnet - einmal iterativ und einmal rekursiv. Die Klausur wurde von 70% bestanden.

Bei Betriebssysteme war der Stil der Vorlesung genauso - also auch Präsentation und Podcast. Hier half mir meine Vorbildung nicht weiter, denn es ging nicht um konkrete Betriebssysteme, sondern um die Theorien dahinter. So haben wir gelernt, wie Betriebssysteme die Ressourcen Arbeitsspeicher, Festplattenspeicher und Rechenzeit organisieren. Zu jedem Thema gab es ein paar Algorithmen, die jeweils mit einem Beispiel gezeigt wurden. In der Klausur mussten diese Algorithmen dann ohne Hilfsmittel angewendet werden können, dazu noch ein paar Wissens- und Verständnisfragen. Die Klausur wurde von 80% bestanden.

Zu Logik gab es ein super Skript mit ca. 100 Seiten. In der Vorlesung wurden die Inhalte davon als Präsentation in einer alternativen Weise präsentiert, sodass eine gute Vor- und Nacharbeit möglich war. Von einem großen Teil der Inhalte hatte ich vorher noch nie etwas gehört - Aussagenlogik kannte ich, aber die machte nur einen kleinen Teil aus. Es ging hauptsächlich um Prädikatenlogik und Beweissysteme, beispielsweise Resolutionskalkül und Hilbertkalkül. In der Klausur mussten Tautologien und Kontradiktionen bewiesen werden, Welten für Formeln gefunden werden und Sätze der Umgangssprache in die Sprache der Prädikatenlogik übersetzt werden. Die Klausur haben 70% bestanden.

Und jetzt Mathe in Form von Linearer Algebra. Offiziell gab es kein Skript, die gesamte Vorlesung fand an der Tafel statt und musste deshalb mitgeschrieben werden. Mir persönlich hat das sehr gut gefallen, denn dadurch hat man schon während der Vorlesung einiges gelernt. Ohne meine Vorbereitung in Form der ILS -Hefte hätte ich hier keine Chance gehabt. Es wurden zwar wirklich kaum Vorkenntnisse erwartet, aber das Tempo war so enorm hoch, dass ich es ohne die Vorbereitung nicht geschafft hätte, eine Vorlesung nachzuarbeiten, bevor die nächste begann. Die Themen waren völlig abstrakt, dafür muss man einfach gemacht sein, denke ich. Es ging um Relationen, Abbildungen, Gruppen, Körper, Vektorräume und Matrizen. Und immer nach dem gleichen Stil: Definition, Satz, Beweis, eventuell Beispiel. Es wird also ein Begriff eingeführt, dann ein paar Dinge dazu behauptet und anschließend bewiesen. Die Sätze muss man alle beherrschen, größtenteils sollte man auch in der Lage sein, die Beweise selbst zu schaffen, verstehen muss man sie auf jeden Fall. In der Klausur waren sämtliche nicht-elektronischen Hilfsmittel erlaubt. Aber da in der Klausur viel bewiesen werden musste, was eine sehr kreative Arbeit ist, haben Hilfsmittel nichts genützt. Deshalb haben diese Klausur auch nur 50% bestanden.

An meiner Uni kann man von Anfang ein Anwendungsfach wählen. Ich habe mich für Biomathematik entschieden und das war höchst interessant. Wir haben gelernt, wie das Gehirn Informationen speichert, wie man das mathematisch modelliert und Software programmiert, die lernfähig ist. Dazu haben wir anfangs den Umgang mit Matlab gelernt und später dann eigene, kleine Programme entwickelt, die beispielsweise eine Menge von Punkten in Klassen unterteilen kann oder prüft, ob in einem Casino geschummelt wird. In der Klausur wurde abgefragt, wie einzelne Algorithmen funktionieren, einige mussten angewendet werden. Alle haben bestanden.

Mein Fazit: Ohne die monatelange Mathe-Vorbereitung hätte ich Schwierigkeiten bekommen. Denn selbst so hatte ich meistens einen 10-Stunden-Tag, der nur aus zuhören und lernen bestand. Das liegt daran, dass zu jedem Modul jede Woche ein Übungszettel bearbeitet werden muss, der abgegeben wird - davon hängt dann die Zulassung zur Klausur ab. So ein Mathe-Zettel nimmt schonmal mehrere Stunden in Anspruch. Aber mir gefällt es trotzdem sehr, ich gehe total darin auf und spüre, dass es zu mir passt. Außerdem ist es eine Genugtuung, als Nicht-Abiturient die beste Mathe-Klausur zu schreiben - sowas motiviert :)

Über eine Anerkennung von Techniker-Leistungen habe ich mich nicht informiert, aber außer in Programmieren erschien mir das im Nachhinein auch als wenig sinnvoll. Ich halte es generell für eine schlechte Idee, Technikern etwas an einer Uni anerkennen zu lassen oder gar gleich einen halben Bachelor zu vergeben, aber das wurde hier ja schon ausreichend diskutiert. Für eine FH kann ich nicht sprechen, da ich noch keine besucht habe.

Im ersten Semester hätte ich es nicht geschafft, nebenbei zu jobben. Ich habe das Glück, dass meine Eltern mich finanziell unterstützen, sonst wäre das Studium für mich unmöglich gewesen - jedenfalls mit guten Leistungen. Und ohne die könnte ich mir das Studium auch sparen, denn als Techniker bin ich ja bereits gut qualifiziert, sodass ein schlechtes Studium mich eher abwerten wüde. Jetzt sind ein paar Wochen Semesterferien, in denen ich aber gut jobben kann.

Ich empfehle jedem, der an einer Universität studieren möchte, dass er sich vorher genau über das Fach informiert und mindestens das Modulhandbuch liest, denn damit kann man sich gezielt vorbereiten. Von den 120 Studienanfängern haben schon vor den Klausuren rund 40 wieder aufgehört, einfach weil sie eine falsche Vorstellung von dem Fach hatten.

Falls ihr Fragen oder Anmerkungen habt, gern her damit :) Wenn Interesse besteht, aktualisiere ich den Bericht gerne am Ende des kommenden Semesters.

Gruß

Folke
 
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AW: Erfahrungsbericht: Als Techniker zur Uni

Interessanter Bericht, du beweißt natürlich, dass ein Studium auf einer Hochschule mit etwas Engagement und einer guter Vorbereitung ohne weiteres erfolgreich zu bestehen ist. Nicht viele haben so ein Durchhaltevermögen wie du, deshalb hören auch viele auf. Die Durchfallquoten sind aber noch relativ Human, wenn ich mit unserer vorletzten Matheklausur das vergleiche. Da sind 94% durchgefallen, aber unser Prof. erfreut sich daran noch. :) Das ist so ein Fach wo einfach ausselektiert wird, wenn du dann Sprechstunden mit den Profs. vereinbarst um eine Art Hilfestellung zu bekommen, wirst du noch von den Profs. teilweise ausgelacht.

Andererseits find ich die Aussiebung für angebracht, wenn ich mir so manche Studenten ansehe.
 
Sehr interessanter Bericht. Ich sehe das ganz ähnlich, wie du. Eine Frage aber noch: Wo hast du die Lernhefte der ILS her bekommen? Hast du dazu direkt dort angefragt? Oder hast du einen Tipp, wo man derlei Material her bekommt?
 

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