Erfahrung mit Fachkräftemangel

Dieses Thema im Forum "Berufsleben und Gehalt" wurde erstellt von chrisTh, 1 Apr. 2018.

  1. Hallo Forum,
    in letzter Zeit, eigentlich seit längerer als 10 Jahren, wird der Fachkräftemangel propagiert und momentan häufen sich mal wieder die Berichte darüber.
    Deswegen meine Frage an euch, wie ist euch der Fachkräftemangel begegnet oder eben nicht?
    Am besten mit Angabe von Region, Fachrichtung des Abschlusses und Branche.
    Dies soll jetzt nicht zur politischen Diskussion ausarten, dass die Gehälter höher sein müssten oder ähnliches. Am liebsten wären mir objektive Berichte oder Erfahrungen. Ein Schuss Humor darf klar drin sein ;)

    danke
     
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  2. Ein Schuss in den Ofen ist das Thema.
     
  3. chrisTh, hier in D wird gerne gejammert, genörgelt. Wenn Du wirklich Spaß haben willst - www.mikrocontroller.net, Sparte "Ausbildung & Beruf" - kaum ein Tag, in dem nicht ein Thread eröffnet wird, Dauerthemen sind "Lüge vom Fachkräftemangel, finde trotz tollem Abschluss keine Arbeit, Dienstleister zocken die Arbeitnehmer nur ab". https://www.mikrocontroller.net/topic/448376#new
     
  4. Wir suchen auch Azubis und Ausgelernte...Die Crux ist:
    1. Diejenigen, die ihren Job "können", haben Einen, werden darin gut bezahlt und wollen nicht wechseln - es sei denn, sie sind hochgradig unzufrieden.
    2. Die aus 1. "Wechselwilligen" wissen, was sie können und rufen entsprechende Kurse auf, die nicht jeder Betrieb bedienen will.
    3. Wir beschäftigen uns mit einem Themenfeld, für das es in D (in der ehem. DDR schon) keinen Ausbildungsberuf gibt., wir müssen daher Bewerber nach Kriterien auswählen, die jenseits vom Berufsbild des "normalen" Elektrikers liegen.

    Auf Azubis übertragen heißt das: Ausbilden müssten wir den Beruf des "Elektronikers für Gebäude- und Infrastruktursysteme". Brauchen würden wir quasi einen "Facharbeiter für Betriebsmess-, Steuerungs- und Regelungstechnik".
    Welcher Ausbildungsstelle-Suchender mit gutem Schulabschluss möchte schon bei den "Strippenziehern" Eltako-Schaltungen bauen (ich übertreibe absichtlich...) und Handwerks-Lohn bekommen, wenn er in der Industrie mit knapp 1000€ schon im ersten LJ sich kaum mehr die Finger schmutzig machen muss? Mal von den Zukunftsaussichten abgesehen: 35h-Woche, Tariflohn IG-Metall usw.
    Was bleibt dann noch übrig? Genau...die "richtig engagierten" jungen Leute, die nicht unverdient unter dem "ausreichend"-Radar fliegen und ein paar Wenige, deren Noten zwar nicht überzeugen, die aber zumindest motiviert, lernwillig sind und wo nach einem Vorstellungsgespräch das Gefühl rüber kommt: "Okay, DER passt ins Team, es könnte sich lohnen, diesen Menschen auszubilden"

    Die Antwort lautet daher "es kommt darauf an", sicher lassen sich Fachkräfte in speziellen Bereichen eben schwerer, in Anderen eben leichter finden...
     
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  5. Läutewerk, das ist mal ein interessanter Beitrag - herrlich sachlich ! Erlebt Dein Arbeitgeber einen Fachkräftemangel in dem Sinn, dass Ihr teilweise Aufträge wegen Personalmangel ablehnen müsst ?
     
  6. Der Mangel wird noch kompensiert durch:
    Mehrarbeit (40h-Woche, pfff...Papier ist geduldig),
    Niederlassungs-übergreifende Umschichtung von Personalressourcen,
    hinzuziehen von auf unser System eingearbeiteten Sub-DL,
    Bei geduldigen Kunden, Verschieben von Arbeiten in Zeiten, erwartungsgemäß geringerer Auslastung (auch nicht mehr so einfach...)
    Wenn es gar nicht mehr geht:
    Nicht-Abgabe von Angeboten bei Ausschreibungen/Abgabe erhöhter Preise - in der Hoffnung KEINEN Zuschlag zu bekommen (wenn doch, bist du halt gef...t!)
     
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  7. Danke für die Darstellung.
     
  8. Läutewerk, auch von mir ein Dankeschön !
     
  9. Also von Technikerseite kann dazu jetzt nicht soviel beitragen, aber ich sehe es zum Einen beim Handwerk, speziell mein Heizungsbauer kann gar nicht alle Aufträge annehmen, da er zu wenig Personal hat und auch einfach keine fähigen Leute bekommt und zum Anderen im Bereich Pflegeberufe, hier ist meine Frau als Bereichsleitung auch oft am Rotieren, wenn Urlaubszeit ist oder mal 2 Leute gleichzeitig krank sind. Es gibt zu wenig Fachpersonal, zwar irgendwo genug Helfer, die aber halt nicht all zu viel machen dürfen außer simple Tätigkeiten.
     
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  10. Das kannst du aber leider nicht voneinander trennen, da das Eine die Ursache für das Andere ist.
    Für nix- insbesondere für die Bezahlung gewisser Berufe- ist Geld vorhanden.
    Aber "Zack": 100 Milliarden für griechische Banken, die ohnehin nie zurückzahlen können und wiederum "Zack":
    100 Milliarden für Wirtschaftsflüchtlinge, denen hier ein anstrengungsloses Leben ermöglicht wird.
     
  11. Nunja, wer kann es den Leuten verdenken...

    Ein Industriekaufmann bekommt im zweiten Lehrjahr um die 950 EUR. Dafür sitzt er 8 Stunden täglich im klimatisierten Büro auf dem Stuhl, telefoniert und tippt auf der Tastatur rum.
    Ein Heizungsinstallateur bekommt im zweiten Lehrjahr um die 550 EUR. Dafür schleppt er den ganzen Tag schwere Werkzeuge und Material in Wohnungen und Häuser. Gerade in Großstädten haben viele 5. oder 6-stöckige Häuser keinen Aufzug. Bei 40°C im Sommer und -20°C im Winter, bei Regen, Schnee und Sturm... er hat nicht das "Glück" dass bei Sauwetter die Arbeiten eingestellt werden, wie bei Maurern oder Dachdeckern...

    Ausgelernt gleich sich das zwar ein wenig an... da verdient der Industriekaufmann dann am Ende seiner Laufbahn, sofern er sich nicht fortbildet, sogar weniger als ein Altgeselle... aber dahin muss man es erstmal schaffen...
    Und die schwere körperliche Arbeit bleibt ein Leben lang. Dazu kommt Dreck, Staub, im Rohbau oft Lärm und Wetter, usw.

    In der Altenpflege sieht es nicht anders aus. Ein Altenpfleger bekommt im Schnitt 2.400 EUR Brutto.
    Das bekommt ein Immie Netto, selbst wenn er Steuerklasse 5 gewählt hat...

    Vor diesem Hintergrund muss man sich nicht wundern, dass es in diesen Branchen einen Mangel gibt.

    Bei gut bezahlten Berufen ist es die ähnliche Situation. Für einen 9 to 5-Job im Bürosessel für einen Konstrukteur wird es kaum einen Mangel geben, da bin ich sicher. Da muss man wahrscheinlich eher noch aufpassen, dass einem der vorige Bewerber nicht einen Stolperdraht in der Tür gespannt hat. Aber sobald in der Stellenanzeige so Zauberworte wie "Reisebereitschaft" oder gar "weltweite Reisebereitschaft" stehen oder man ein Spezialgebiet nachfragt, welches tendenziell selten gewählt wird... da kann ich nicht beobachten, dass einem die Bewerber die Bude einrennen...

    In der Elektrotechnik ganz konkret ist das die Antriebstechnik... finden wir kaum Leute für... mit Automatisierern hingegen können wir die Straße bis nach Berlin pflastern... doppellagig...
     
  12. Meine Firma setzt in bestimmten Bereichen vermehrt auf junge Leute frisch von der Techniker Schule oder Fh/Uni. Das geht aber nur in Bereichen wo genug Kapazitäten vorhanden sind und man den Leuten Zeit geben kann. Die werden die ersten 6 Monaten nur geschult. Intern und extern. Passende Fachkräfte müsste man direkt bei der Konkurrenz abwerben und das ist teuer.

    Man muss auch sagen, dass sich viele für eine Fachkraft halten, aber eigentlich keine sind. Ohne spezielle Berufserfahrung läuft heutzutage nichts. Selbst wenn man eine Fachkraft ist, muss dann auch der Schwerpunkt oder die Spezialisierung stimmen.
     
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  13. Also per Definition ist eine Fachkraft eine Person, die in einem bestimmten Fachgebiet eine Ausbildung besitzt. Insofern ist man selbstverständlich auch ohne langjährige Berufserfahrung schon eine Fachkraft.

    Aber klar. Wenn man jemanden sucht, der auf eine Stelle direkt zu 98% passt. Dann muss man in der Regel beim direkten Wettbewerber suchen, weil meist nur der genau das macht, was man selbst tut bzw. sucht.
    Das wird dann natürlich teuer, denn wenn ich bei dem anderen Unternehmen im Prinzip genau denselben Job machen soll und ich in meiner jetzigen Firma auch soweit zufrieden bin... ja mei, dann ist mehr Geld die einzige Motivation für mich über einen Wechsel nachzudenken...

    Große Firmen ersparen sich dieses Theater daher schon lange und holen sich ihre Wald-und-Wiesen-Ingenieure über das duale Studium direkt von den Fachhochschulen ab. Die machen gleich noch ne Ausbildung dazu, sitzen in den Semesterferien im Unternehmen und können nach dem Abschluss direkt zum Kunden geschickt warden...

    Billiger geht es nicht mehr...
     
  14. Die Definition hilft dir aber in der Praxis nicht weiter. Wenn Sich ein Unternehmen darüber beschwert zu wenig Fachkräfte zu haben, dann meint man damit sicher nicht die Leute die frisch aus der Ausbildung oder Schule kommen. Von denen gibt es mehr als genug. Deswegen auch die Diskrepanz. Viele Berufseinsteiger, aber auch Leute über 50, wundern sich das es trotz Fachkräftemangel Probleme bei der Stellensuche gibt. Mit "Fachkräftemangel" beschreibt man eine bestimmte Gruppe: Spezialisten zwischen 25 und 45 mit jahrelanger Erfahrungen in einem gesuchten Bereich die dann auch kein Mondgehalt verlangen. Von denen gibt es zu wenige und das wird in Zukunft auch nicht besser werden.
     
  15. Es wird kaum so weitergehen können. Denn wenn die Unternehmen nicht bereit sind Leute von der Hochschule zu nehmen und einzuarbeiten, wird es in wenigen Jahren keine Spezialisten zwischen 25 und 45 Jahren mehr geben ;)
     
  16. @snowboard
    Wer mit Nüssen bezahlt, bekommt halt nur Affen! ;-)
     
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  17. @rotH @Meister1983
    Sehe ich ja genauso. Aber anstatt das Firmen besser bezahlen oder die Leute selbst ausbilden, wird nach ausländischen Fachkräften verlangt. Ich sehe leider einfach kein Umdenken. Deswegen gehe ich davon aus, dass die Situation in bestimmten Bereichen noch prekärer wird. Vielleicht findet dann ein Umdenken statt.
     
  18. Ausbilden ist gut, nur...bis der Azubi in meinem Job zu 80 Prozent machen kann, was erwartet wird, gehen 4,5 Jahre ins Land. Nachhaltige Personalplanung ist ein Kosten-getriebenes Problem und problematisch, je kleiner die Arbeitsteams werden...
     
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  19. Ja ausbilden ist teuer und beinhaltet vor allem immer öfter das Risiko, dass der Azubi nach 2 Jahren sagt "Chef, ich hab mir das hier alles ganz anders vorgestellt. Mein Leben lang möchte ich das nicht tun, ich suche mir was anderes, hier ist meine Kündigung." ... wenn er das denn überhaupt sagt und nicht einfach nicht mehr zur Arbeit erscheint...

    Letztlich sind wir an den Löhnen alle selbst Schuld. "Wir" die wir in den großen Konzernen noch richtig gute Gehälter kriegen und "wir", die wir als Privatpersonen Handwerker usw. beauftragen...

    Wenn ich nicht bereit bin, einem Klempner 50 EUR/h für seine Arbeit zu bezahlen, dann muss ich mich am Ende auch nicht wundern, wenn der nur 15 EUR/h verdient. Denn von den 50 EUR/h muss ja noch wesentlich mehr bezahlt werden, als bloss der Bruttolohn des Mitarbeiters...

    Genauso sieht es doch in der Industrie aus. Man selbst freut sich auf die nächste Tariferhöhung und ärgert sich, dass der Vorstand keine 4% mehr bezahlen will, obwohl die Firma blendend läuft und der Aktienkurs von Rekord zu Rekord jagt...
    Und in der nächsten Minute drückt man den kleinen Zulieferer nochmal 10% weiter im Preis, weil er zu teuer ist und eine Firma in Polen die gleiche Arbeit im Grunde für nochmal 50% weniger bieten würde... aber man sei ja großzügig "leben und leben lassen", deswegen kriegt er den Auftrag, wenn er 10% runter geht...
    Ist doch klar, dass der seinen Mitarbeitern dann kein Traumgehalt zahlen kann?

    Und wer wenig verdient und selbst kein Geld hat... der holt sich dann eben den polnischen Handwerker. In polnischen Hotels arbeiten oft Ukrainer, weil das für das Geld kein Pole mehr machen will... eine Abwärtsspirale, die sich immer weiter dreht...
     
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